Das über Bibliotheken nutzbare Online-Portal „Filmfriend“ empfiehlt sich als faire Alternative für Filmschaffende
Ein Beitrag von Christian Bartels für das Online-Magazin Filmdienst (30.06.2026)
Ungeheuer viele Filme drehen die Berliner Dokumentarfilm-Produzenten Dietmar Post und Lucía Palacios nicht. Kein ganzes Dutzend Titel umfasst der Katalog ihrer seit über 20 Jahren bestehenden Produktionsfirma play loud!. Dafür besitzen ihre sorgfältig produzierten Low-Budget-Filme aber eine lange Halbwertzeit. „Monks - The Transatlantic Feedback“ (2006) über die weniger bekannte, aber international einflussreiche US-amerikanisch-deutsche Rockband der 1960er-Jahre, stößt in dieser Nische weiterhin auf Interesse. Genauso der Film „Deutsche Pop Zustände“ (2015), in dem es um rechtsradikale Popmusik geht, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Der Disco-Queen Donna Summer, deren Karriere einst in München begann, gilt mit „Donna Summer: Hot Stuff“ eine andere ihrer Musikdokus.
Post & Palacios verfolgen die Idee des Aufbewahrens und „Archivierens“, damit musikalische Ausdrucksformen nicht in Vergessenheit geraten. Ihr aktueller Film „Mona Mur in Conversation“ entstand 2024 und läuft mitunter noch in Programmkinos. Die Dokumentation über die Hamburger Musikerin Mona Mur entwickelt eine ungeahnte Sogwirkung, weil der Film ihre bewegte Karriere zwischen Underground, Beinahe-Star-Status in unterschiedlichen Popmusik-Genres und „nicht-linearem Komponieren“ für Computerspiele nachzeichnet.
Eine Frage der Rechte
Doch ob „Mona Mur in Conversation“ auch ins Fernsehen kommt, in dem die meisten deutschen Dokumentarfilme eher früher als später landen, ist ungewiss. Denn der Film entstand ohne Senderbeteiligung oder Filmförderung. Das liegt auch am ästhetischen Eigensinn von Regisseur Dietmar Post. Er drehe keine „geskripteten Filme“, für die schon vor den Dreharbeiten feststeht, was am Ende zu sehen ist; Post setzt vielmehr auf akribisch vorbereitete, „suchende Dokumentarfilme“. Er verwahrt sich auch gegen den „Soundbrei“ aus Untermalungsmusik, der im Fernsehen fast immer zu hören ist. In einem „Rock’n’Roll-Film muss es auch manchmal krachen“, ist Post überzeugt. Das „Mur“-Projekt wäre überdies von allen abgelehnt worden, da Filme über Personen, die nicht richtig prominent sind, „unglaublich schwer“ zu realisieren sind. Bei Auftragsproduktionen drängten öffentlich-rechtliche Sender inzwischen darauf, die Online-Rechte „für immer und ewig“ zu erhalten, ohne dafür mehr bezahlen zu wollen. Doch für Regisseur und Autoren ist die Frage nach den langfristigen Rechten besonders wichtig. Gerade wenn die Filme lange wirken.
Wie sich die Möglichkeiten des Internets nutzen lassen, um ambitioniertes Filmschaffen zu fairen Konditionen anzubieten, ist für Produzenten wie Post & Palacios seit Jahren ein Thema. Weil Lucía Palacios aus Spanien stammt, kennt sie das dort nicht zuletzt dank EU-Förderung etablierte Portal Filmin. Neben der Auswertung bei Amazon Prime sind ihre Filme deshalb auch dort zu sehen. Produzenten können ihre Werke auf der Plattform hochladen und zur Online-Ausleihe anbieten.
Von den Einnahmen auf Filmin erhielten sie einen „vergleichsweise fairen Anteil“, sagt Post. Bei iTunes von Apple oder auf YouTube, dem größten Videoportal, das zum Google-Konzern gehört, sind solche Modelle ebenfalls möglich. Doch Firmen wie Play Loud!, die nur wenige Filme anbieten, benötigen dann sogenannte Aggregatoren, die Pakete aus hunderten Titeln schnüren und im Gegenzug einen beträchtlichen Teil der ohnehin geringen Einnahmen behalten. Durch die vielen Zwischenhändler rechnen sich die Vermarktungsmodelle für Filmschaffende wie Palacios und Post aber meist nicht. Die Ausschüttungen seien oft „schlimmer als beim Musik-Streaming“ von Spotify & Co.
Von und für öffentliche Bibliotheken
Wie ein „Licht am Ende des Tunnels im Meer der kommerziellen Anbieter“ erscheint Post daher der deutsche Streamingdienst Filmfriend. Hierbei handelt es sich um ein Portal von und für öffentliche Bibliotheken, das die Potsdamer Firma Filmwerte gestaltet. Hier sind „Mona Mur in Conversation“ und andere Play-Loud!-Filme seit Kurzem auch zu sehen. Filmfriend bietet Anbietern pro gestreamter Stunde eine „wesentlich höhere Lizenzauszahlung“ als die meisten anderen Wettbewerber.
Verfügbar ist Filmfriend derzeit in mehr als 800 Bibliotheken im deutschsprachigen Raum. Theoretisch liege die Reichweite bei rund fünf Millionen Bibliotheks-Nutzerinnen und -Nutzern, sagt Filmwerte-Geschäftsführerin Jacqueline Röber. „Wie bei allen Bibliotheksdiensten wird dieses Potenzial aber nicht ausgeschöpft.“ Die Zahl der Nutzer, die das Streaming-Angebot tatsächlich aufgreifen, liege jedoch im hohen sechsstelligen Bereich.
Einerseits wissen längst nicht alle, die in den Bibliotheken Bücher ausleihen, von dem Angebot. Andererseits kann Filmfriend mit aktuellen Blockbustern, die Wettbewerber wie Disney+, Netflix & Co. selbst produzieren oder teuer einkaufen, um Kunden zu locken, nicht punkten.
Denn das Budget von Filmfriend stammt zumeist aus Töpfen, mit denen Stadtbibliotheken einst Videokassetten beschafften und bis heute DVDs ankaufen. Im Gegensatz zur Ausleihe dieser allmählich verschwindenden Speichermedien partizipieren Filmschaffende wie Dietmar Post bei Filmfriend jedoch am „Erfolg“, also pro Stream.
Im Bibliotheksausweis enthalten
Aktuell stößt man bei Filmfriend auf knapp 4000 Filme und 222 Serien. Das Angebot wächst jährlich um etwa 400 neue Titel. Stark vertreten sind europäische Produktionen, auch wenn US-amerikanische Titel wie „Dallas Buyers Club“ mit Matthew McConaughey und „Weird - Die Al Yankovic Story“ mit Daniel Radcliffe und Evan Rachel Wood gerade ebenso zu sehen sind wie der deutsche Kinofilm „Cranko“ mit Sam Riley in der Rolle des Ballettchoreografen oder Benjamin Heisenbergs Jugendfilm „Der Prank - April, April!“.
Neben Spielfilmen und Klassikern aller Genres und Länder finden sich auch Kurzfilme und ambitionierte Dokumentarfilme – also im Prinzip alles, was üblicherweise in Programmkinos läuft und bei kommerziellen Streamingportalen oder in öffentlich-rechtlichen Mediatheken zwar mitunter zu finden ist, in der Fülle des Angebots aber gerne mal untergeht. Für Filmliebhaber, die gerne Programmkinos besuchen, kann es sich also lohnen, das informativ präsentierte und gut durchsuchbare Angebot von Filmfriend mal durchzuklicken. Unter anderem auch deshalb, weil es im Bibliotheksausweis, der für Erwachsene preiswert und für Kinder und Jugendliche zumeist kostenlos ist, bereits enthalten ist.
Im Filmdienst-Portal sind die Filme von Filmfriend übrigens leicht zu finden; unter jedem Titel, der über die öffentlichen Bibliotheken gestreamt werden kann, findet sich auf filmdienst.de ein entsprechender Hinweis.

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