Wednesday, July 27, 2011

Popkontext bespricht DVD "Klangbad: Avant-garde in the Meadows"

Klangbad Musikfestival vom 5.-7. August /

Verlosung der Doku-DVD Avantgarde in the Meadows


VON BARBARA MUERDTER  27. JULI 2011  
Das wohl beschaulichste Festival Deutschlands findet seit 2004 ganz im Süden der Republik statt: In der Nähe des 2500 Seelen-Örtchens Scheer an der Donau. Hier hatten sich acht Jahre zuvor die Musiker der Krautrock-Band Faust ein eigenes Studio samt Label eingerichtet, nachdem sie von den profitorientierten Studios und Plattenfirmen die Nase voll hatten. Aus einer Dankeschönparty für die freiwilligen Helfer/innen entstand die Idee zu einem Festival mit etwas anderer Musik, die den Klangbad-Kosmos repräsentiert – Experimentelles ohne Genregrenzen.
Klangbad Festival Scheer
Inzwischen hat sich das von Faust-Musiker Hans-Joachim Irmler kuratierte Festival gemausert – das Line-Up umfasst mehr als zwei Duzend Bands und Solokünstler/innen, als Headliner gibt es mit Wire und den Goldenen Zitronen zwei veritable Rockbands und das musikalische Spektrum reicht von neuen elektronischen Klängen zu Krautrock, u.a. von Gudrun Gut, Felix Kubin bis zur Neuentdeckung Oy. Einen Zusammenschnitt des diesjährigen Sounds kann man sich unten anhören.
Trotz wachsender Größe will man die heimelige Wohnzimmer-Atmosphäre nicht aufgeben, die Veranstalter Irmler 2005 beschwor: Entspannung, Ruhe und Zeit zum Zuhören – Dinge, die man normalerweise nicht mit Festivals verbindet. Wie das Festival in seinen Anfangstagen aussah und was seinen Geist ausmacht, haben die Filmemacher Dietmar Post und Lucia Palacios von Play Loud! festgehalten: Mit zur Stimmung passender unaufgeregter Kameraführung und langsamen Schnitten porträtieren sie in ihrer 2009 fertiggestellten Doku Avantgarde in the Meadows Ort, Menschen und Musik des ersten “richtigen” Klangbad-Festivals vor sechs Jahren. Im Mittelpunkt steht die Musik, u.a. mit dem wunderbaren Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe und natürlich mit den Quasi-Gastgebern, der Krautrocklegende Faust, deren Konzert in Gänze auf der DVD festgehalten ist.
DVD gewinnen mit E-Mail an barbara [at] popkontext.de

Tuesday, July 26, 2011

Skug über Monks-Film und Tribut-Album

The Monks

Transatlantische Rückkopplungen
Mit ihrem in langjähriger Recherchearbeit zusammengestellten Dokumentarfilm »Monks – The Transatlantic Feedback« haben die Filmemacher Dietmar Post und Lucia Palacios (beide waren zuvor u.a. schon bei »The Nomi Song« beteiligt) eine Band, die vor 40 Jahren eine einzige LP herausgebracht hat, wieder ins Rampenlicht geholt. Die Rede ist von den Monks, die mit ihrer Musik gleichsam im Alleingang den Sixties-Beat überwanden und dabei ohne psychedelische Umwege von heute aus gesehen (obwohl damals über Deutschland nicht hinausgekommen) sowohl Punk wie auch Techno vorwegnahmen.
VON DIDI NEIDHART

Fuck Beat! Let’s Make Art!
Pop als Kunst. Die Band als Kader mit eisernem Verhaltenskodex (»In public, openly you have to be always a monk, always be dressed black, short hair, always move like a monk, hard, sexy, exciting, full speed, strong and dangerous.«). Beat als Konzept, als »Über-Beat«. 1966, ein paar Monate bevor Andy Warhol und The Velvet Underground zusammentrafen, als »Gesamtkunstwerk« von den Design-Studenten Karl Remy und Walter Niemann (Ulm bzw. Essen) aus dem Fundus von Bauhaus, Fluxus, Dada zusammengebastelt wurde. Kein Wunder, dass Bands wie FSK (von denen auch der Filmtitel entliehen ist), The Fall oder die Goldenen Zitronen schon seit den mittleren 1980ern zu den ersten Monks-Wiederentdeckern gehörten. 

Robotermusik & elektrischer Banjo-Beat 
Was bei diesem Beat-Alien auch nicht verwundert. Nicht nur, weil sich diese Band aus in Deutschland (Hessen) stationierten G.I.s genau zu einer Zeit, als die Haare länger wurden Mönchstonsuren als Frisuren schneiden ließ (auch wenn die Ergebnisse nicht selten wie skalpiert aussahen) und dazu in schwarzen Anzügen mit Henkersstricken um den Hals auftrat.
Sie sangen auch noch – mit elektrisch verstärktem Banjo (als Schlagzeug-Ergänzung bzw. »elektrische Snare«), dem wohl ersten bewusst verzerrten Bass, einem radikal in den Vordergrund gemischten Schlagzeug ohne Becken (dafür viele Schellen und Tamburins) und ultra verfuzzten Gitarren (alles auf Grundlage hypnotischer Polka-Beat-Rhythmen die wie Gospel-Beats nach dem Stromschlag klangen) – dadaistisch angelegte Songs gegen den Vietnamkrieg. 
Als die »Bild-Zeitung« 1966 diese metallische Intensitätsmusik »Robotermusik« nannte, lag sie dann auch ganz richtig. Lässt sich doch aus der rhythmisch-motorischen Monks-DNS ebenso eine Linie zu den Stooges ziehen wie Bastardkreuzungen aus den Velvet Underground und Kraftwerk oder den Sonics und Can konstruieren.
Allein ihr irritierender Auftritt beim »Beatclub«, wo sie mit ihrer stampfenden Free-Jam »Monk Chant« u.a. Fausts Jochen Immler als Jugendlichen für immer prägten, zeigte eine visionäre Kraft, deren späteres Scheitern gleichsam mitschwingt. Getrieben nur von Drums und Orgel dreschen die restlichen Monks mit jeweils zwei Riesen-Tamburins alles in Grund und Boden und versammeln sich schließlich vor einer am Boden liegenden Gitarre, der sie gleichsam als zärtliches Kollektiv Feedback-Töne entlocken (der Legende nach soll sich Jimi Hendrix bei einem gemeinsamen Gig von den Monks ein paar Tipps in Sachen kontrolliertem Feedback geholt haben). Die zweite, nie realisierte, Monks-LP sollte dann gleich aus nur einem, über zwei Seiten gehenden Stück mit einem durchgehenden Beat bestehen. Eine Ahnung davon gibt es jetzt zumindest mit der für Charles Wilps legendären »Afri-Cola-Spot« gedachten Einspielung, die jetzt auf »Silver Monk Time« mit ungläubigen Ohren nachhörbar ist.

Anti-Beat-Lyrik 
Aber auch das Cover (vor allem die Liner-Notes auf der Rückseite) ihres in Schwarz gehaltenen 1966er Debüts »Black Monk Time« hatte es in sich! »Sonnenraster zittern im System. Lesen Sie weiter! It’s Monk-Time – it’s Hop-Time. Nicht lesen! Lesen sie noch nicht! Lassen Sie Saphire in die Rillen gleiten. Was ist Beat? Was ist Beat heute? Und was ist Über-Beat? Und wer schmilzt die verdammt heiß-kalte Welt von Morgen?« Das ist Brinkmann-Beat plus voraus gegriffene Bernward-Vesper-Cut-Up-Psychedelic und erinnert auch schon an Kodwo Eshun über Drecxciya! Kurz: Asphalt- und Astral-Straßen-Poetik. Unübertroffen bis heute und konsequenterweise u.a. von FSK bei ihrer 1985er Peel Session »Last Orders« weitergeführt. 

Avant-Pop Now!
Hier meinte es jemand ernst mit einer creatio ex nihilo! Was in guter Avantgarde-Tradition auch in einem Manifest niedergeschrieben wurde: »Der Beat ist tot! Es lebe der Hop! Wir haben keine Vorbilder! In Mönchskutten gegen den Großmutterstil der Beatles!«Dementsprechend verkündete auch ihr damaliger Polydor-Producer Jimmy Bowien (der später mit Franz Josef Degenhardt in beinahe ähnlicher Radikalität gegen »Zwischentöne« vorging) zur primären Mission der Monks: »Die Rolling Stones sind barock, die Beatles für Großmütter, ihr, die MONKS, spielt die Musik der Zukunft!«Was verdammt an die – ebenfalls zwischen künstlerischen, konzeptionellen und kommerziellen Differenzen aufgeriebenen – Pläne von MC5 und deren Chefideologen John Sinclair (»Ihr wolltet größer sein als die Beatles und ich wollte, dass ihr größer werdet als Mao.«) erinnert. 
Auch wenn die noch lebenden Mönche heutzutage live neben ihren »Über-Beat«-Hits mit eher simpel gestrickten Beat-Nummern sozusagen immer wieder kleine Verschnaufpausen einlegen, stellt ihre aktuelle Wiederentdeckung wohl einen der schönsten, spannendsten und faszinierendsten Blicke in den Rückspiegel der Popkultur des 20. Jahrhunderts dar.

KASTEN mit dunklerem Hintergrund:
»Monks – The Transatlantic Feedback« harrt bisher immer noch seiner Österreich-Premiere. Die Zeit bis dahin kann mit dem auf Initiative von Mark E. Smith entstandenen und schwer empfehlenswerten 2CD-Tribute-Sampler »Silver Monk Time« (playloud) verkürzt werden, wo unter dem Zeichen der Monks so einiges endlich zusammenkommt, das irgendwie eh schon immer zusammengehört hat. Etwa The Fall, FSK, Alec Empire, Faust, Die Goldenen Zitronen, Michaela Melián, Psychic TV, Gudrun Gut, S.Y.P.H., Silver Apples, Alan Vega, Mouse On Mars, Mense Reents, John Spencer, Jason Forrest ...

www.playloud.org
www.the-monks.com/

Tonsure yourself

Text: Frank Apunkt Schneider | 21.07.2011
monks.jpgDie Monks als transatlantische Feedbackschlaufe 
Velvet Underground sind als einflussreichste Band der Welt abgewirtschaftet, seitdem jede blöde Indieband sich straffrei auf sie berufen darf. Amtsnachfolgerin wird wohl eine bis vor kurzem eher unterirdisch wirksame, demnächst aber offiziell eingesegnete Band: die Monks. Bei ihnen gibt es noch mehr, noch früher, noch erschütternder: Industrial, (Post-)Punk, Techno und (muss ja auch sein) Heavy Metal. Es besteht also allgemeine Hype-Pflicht. Warum der Hype zur Abwechslung mal gerechtfertigt ist, erklärt geduldig und zum Mitschreiben diese DVD. Sie zeigt, dass die Monks keine plötzlich hereinbrechende Naturgewalt waren (als die miese Rockschreibe große Bands gerne hätte), sondern das Ergebnis unwahrscheinlicher, doch folgerichtiger Zusammentreffen. Dass das so nur in Deutschland stattfinden konnte, wie es oft heißt, bezweifle ich, schon weil’s dem postfaschistischen Crossover von der »deutschen Popidentität« zu gut in den Kram passt. Jedenfalls waren die Monks eine Konstruktion. Erst der Einfluss ihrer Manager Karl-H. Remy und Walther Niemann brachte sie in eine Form, die rockistischen Spieltrieb und Selbstverwirklichung-qua-Band überwinden konnte. Beide entstammten der um 1964 produktiven Welt von Werbung, Design und Kunsthochschule. Sie schnappten sich eine talentierte Beatkapelle von in Deutschland hängengebliebenen G.I.’s und transponierten sie in die Monks, die ihre Vorstellung von einem Pop verkörpern sollten, der die Versprechungen der von den Nazis abgewürgten europäischen Moderne einlöste: Minimalismus, von jeglicher Sentimentalität entbeinter Rhythmus, Negation (die »Anti-Beatles«) und das Ja zur modernen Welt. Der ästhetische Quantensprung der Monks (als Band, als Sound, als Idee) war trotzdem mehr als die bloße Materialisierung dieses Kalküls. Das transatlantische Feedback von alter Avantgarde und neuem Pop, die Deterritorialisierung, funktionierte nach beiden Seiten. Denn natürlich dekonstruierte die Band auch die Ideenwelt des Managements, indem sie sie mit Rock’n’Roll rückkoppelte. Diesen Prozess gegenseitiger Vereinnahmung erzählt »MONKS« als eine Reihe historisch unausweichlicher Zufälle, deren Bedeutung sich erst heute ganz erschließt, wo Monks-affizierte Popavantgarde-Celebrities wie Hans Joachim Irmler, Charles Wilp und Genesis P. Orridge vors Objektiv bugsiert werden können. 

Dietmar Post/Lucía Palacios: »MONKS. The Transatlantic Feedback« (2009, play loud! Productions/SPV)


Skug bespricht Monks-DVD