Wednesday, July 14, 2010

Spex-Artikel über das Klangbad Festival

NICHTS GESTELLT, NICHTS ROMANTISIERT

Das Klangbad Festival in Scheer mit These New Puritans, Jimi Tenor, Gustav, Cluster, Efdemin, u.v.a.

Text: Walter W. Wacht
Über Festivals zu schreiben oder Empfehlungen dazu auszusprechen ist das Eine. Etwas völlig anderes ist es letztlich, als Besucher selbst vor Ort zu sein, über das Festival-Gelände zu schlurfen und sich ein eigenes Bild der Atmosphäre zu machen. Deshalb möchten wir zwar im Folgenden kurz auf die besondere, familiäre Atmosphäre, den unkommerziellen Hintergrund, das herausragende Booking und die beschauliche Lage des Klangbad-Festivals im Oberschwäbischen Scheer an der Donau hinweisen – schließlich gab es das bereits. Zur Festivalvor- und Nachbereitung eignet sich zudem hervorragend die soeben erschienene Dokumentation »Klangbad: Avant-garde in the Meadows«.
Klangbad Festival 2010 Teaser    Das Regie-Duo Dietmar Post und Lucia Palacios, bekannt aus den Musik-Dokumentationen »Monks – The Trans at lan tic Feed back« und »Reverend Billy & The Church of Stop Shopping«, hat für den neuen Film »Klangbad: Avant-garde in the Meadows« Eindrücke der letzten Jahre zu einem knapp eineinhalbstündigen Festivalrückblick verschnitten, »Klangbad …« zeigt so äußerst aussagekräftige wie Vorfreude erweckende Bilder des Veranstaltungsgeländes, Interviews mit KünstlerInnen wie FaustKammerflimmer Kollektief und Jutta Koether sowie des Veranstalterkollektivs. Dazu kommen Konzertmitschnitte und Beobachtungen aus dem Örtchen Scheer und Umgebung – alles wurde aus der Situation heraus gefilmt, nichts für die Kamera gestellt, nichts über das tatsächliche Geschehen hinaus romantisiert.
    Die gerade auf play loud! erschienene DVD von »Klangbad …« enthält neben der Dokumentation selbst einen Bonus-Film: Den Mitschnitt eines der seltenen Faust-Konzerte, das natürlich auch im Rahmen des Klangbad-Festivals aufgezeichnet wurde.
    
Spex präsentiert auch das diesjährige Klangbad-Festival, Karten sind im Vorverkauf erhältlich. Zusätzlich zu dem Live-Lineup mit These New PuritansJimi Tenor & Kabu KabuGustav,MekonsA Hawk And A HacksawClusterFM Einheit & Irmler sowie vielen anderen wird das Spex-DJ-Team bestehend aus Max Dax und Martin Hossbach Platten auflegen.

Tuesday, July 13, 2010

"play loud! (live) music series 002" now for download:

play loud! is now offering the first two films within the "play loud! (live) music series" for download:



      

      

      

      

  

Tuesday, July 6, 2010



Bei offenen Fenstern

von Robert Mießner (6.7.2010)
Der Floating di Morel-Backkatalog wird von Dietmar Posts und Lucía Palacios’ Film- und Musiklabel play loud! verlegt. »More Memory Than Now«, das Debütalbum, erschien 1995 auf Hidden Records, dem Label, das auch Ornament & Verbrechen (»On Eyes«, 1990), Harry Rag (»Trauerbauer«, 1992) und Doc Schoko (»Puppentanz«, 7’’, 1999) herausbrachte. »More Memory Than Now« klingt sommerlich-somnambul (»Dream There’s Humour«) oder gleich zeitlos entrückt (»Feeble-Minded«). Auf »Women Chrome« kommt ein unheimlicher Unterton hinzu, aber das und die meisten anderen Floating di Morel-Veröffentlichungen sind ein guter Soundtrack für den nächtlichen Gang bei gefühlten fünfundzwanzig Grad Celcius über die Warschauer Brücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet. Deutlich kratzbürstiger ist die EP »Takna, Pakna, G(k)ram...«, 1998 bei Toaster im Test erschienen. Man kann das getrost Lo-fi nennen. Charmant ist es allemal.
Dann aber »Real People Psych« (Marshypower, 2004), ein elegant-zerklüftetes Album, gemixt von DJ Jehova, On / Off, Brad Brett, Latence-Max Blanck und Beate Bartel. Auf »Sometimes« singen Drewitz und Blödorn im Duett zu einem minimalistisch-pulsierendem Beat. Mehr braucht es eigentlich nicht. Mit »Transnation« wird die Platte gar ruppig. Das Funkadelic-Cover »I’ll Stay« ist dafür schwer traumverhangen. »Said My Say«, das immer noch aktuelle Floating di Morel-Album, haben play loud! dann im vorigen Herbst herausgebracht. Erstaunliche Dinge passieren darauf. Nicht nur, dass einige der Songtitel von Wire stammen könnten (»G.C.55 Or The Idea Of North«, »J. Chase Hang Up«): Auch Floating di Morel machen mittlerweile so etwas wie Geometrie zum Meditieren. »Ois« beginnt mit einem stoischem Drumbeat aus dem Maschinenzimmer, dann setzen Trompete, Gesang und Stylofon ein. »Marlen« und »It Has Gone Well« könnten gute Singles abgeben. Man möchte diese Musik am liebsten durch Berlin tragen und kann es auch: Vielleicht findet sich in der einen oder anderen Kammer noch ein Walkman, wenn man sich das Album, dessen Cover an das der ersten Saints-LP erinnert, auf Kassette überspielen will. Ganz modern Gesinnte können es auch digital regeln. Übrigens, Floating di Morel tragen gerne Sonnenbrillen. Ihr Zimmerfenster bleibt im Film aber weit offen. Die einen nennen es Lärmbelästigung, die anderen eine Haltung.


Der Link zum Artikel


Monday, July 5, 2010

Jazzthetik über "Klangbad: Avant-garde in the Meadows"


Vier Fäuste für ein Halleluja

Nachrichten aus der Provinz: Unsere liebste, weil aktivste Krautkapelle hat gleich vierfach zugeschlagen: Eine Doppel-CD mit brandneuem Faust-Material und eine DVD mit zwei Konzertfilmen, daneben stehen in Kooperation mit Play Loud wieder diverse Re-Issues aus den frühen Siebzigern auf CD, Vinyl und via Download an.

Konzentrieren wir uns aber auf die Neuigkeiten. Dietmar Post und Lucía Palacios, die 2008 für ihr Bandportrait Monks – The Transatlantic Feedback verdienterweise den Grimme-Preis kassierten, haben 2005 ihre Ausrüstung nach Scheer geschleppt und in guter Festival-Tradition das zweite der seitdem zuverlässig alljährlich stattfindenden Klangbadfestivals dokumentiert. Konnten sie beim Monks-Coup noch mit jeder Menge Archivmaterial und prominenten Interviewpartnern beeindrucken, waren sie in Scheer auf die Mittel des »Direct Cinema« zurückgeworfen, ein Hauch von Woodstock liegt also über den ersten Bildern – abzüglich der Menschenmassen. Es hilft, dass Organisator und Oberfaust Jochen Irmler daran erinnert, dass dieses Festival ja doch eher als ausgelagertes Wohnzimmer fungiert denn als unübersichtliches, sanitär bedenkliches Massenereignis.

Kurz und undankbar: Alle die nicht dagewesen sind oder später kamen, dürfen sich zumindest bei den ersten der chronologisch eingefangenen Auftritten damit trösten, dass sie auch nicht besonders viel verpasst haben, Minit verharren konzentriert über ihren Geräten, als würden sie ihren Lieblingshamster am offenen Herzen operieren, was möglicherweise interessanter geklungen hätte. Jutta Koether liest irgendwas und spielt irgendwelche Keyboard-Presets, Steven W. Lobdell ist ein guter Gitarrist, Cpt. Howdy hab ich nie verstanden. Entschädigt wird das kritische Ohr durch schöne Beiträge von Circle, Nista nije Nista und natürlich Faust selbst. Die Band spielte nach Einbruch der Dunkelheit ein Konzert, das als separater Film dokumentiert wurde, - und es war vom ersten Moment an intensiv, grob und herrlich. Lachhaft naive Mittel verzahnen sich mit intuitiv-genialen Manövern zum gewaltigen, himmlisch dröhnenden Markenzeichen-Sog.

Für eine neue Balance im Gefüge sorgt Schlagzeuger Jan Fride, der das Dampfwalzenspiel des ausgeschiedenen (oder eher: abgespaltenen) Zappi Diermeier durch eher filigranes, auch mal an This Heat oder Jaki Liebezeit erinnerndes, ja zur Funkyness tendierendes Drumming ersetzt. Auf der Bühne klingt das manchmal etwas zu konventionell, aber vergessen wir nicht, dass Faust ja auch noch eine Doppel-CD am Start hat, die die seitdem vergangene Entwicklung dokumentiert. Ja, Entwicklung. Faust Is Last ist so schroff, laut und faustisch wie gewohnt und geschätzt, aber die Kanten sind schärfer geworden, das Dickicht transparenter, der Sound klarer und härter. Wo früher vor allem Irmlers Reibeisensounds für Mulmen und Matschigkeiten in den Mitten sorgte, zeichnet diese Doppel-CD ein kompakter, unmittelbarer Rock-Wumms aus, den man ruhig bis zu den einflussreichen Monks zurückverfolgen kann, was die frisch eingetroffenen Re-Issues auch belegen. Faust Is Last ist die zweistündige Meditation über das Thema »Überbeat«, definitiv geiler als die neuen Sachen von AC/DC, spannender als Wolf Eyes et al., so konsequent wie Irmlers Solo-Arbeit Lifelike und dabei so kollektiv und kompakt wie, nun ja, eine geschlossene Faust.
Eric Mandel

Klangbad: Avant-Garde in the Meadows / Faust: Live 
DVD
Spieldauer:180:00
Play Loud

Faust
Faust Is Last 
2 CDs
Klangbad

Der Standard über "Klangbad: Avant-garde in the Meadows"

KLANGBAD FESTIVAL
Blechbrummen
24. Juni 2010, 16:28
Das deutsche Musikkollektiv Faust beschäftigt sich seit
vier Jahrzehnten mit der Kunst der Vorläufigkeit - Der
Weg ist das Ziel? So soll es sein

Das neue Album Faust Is Last beginnt wie eine Orchesterprobe der Einstürzenden Neubauten - wenn diese noch einen fröhlichen Alleinunterhalter-Orgler und einen sich tief im Hallraum selbstverwirklichenden Melancholiker wie Ricky King an der Fender Stratocaster beschäftigen würden. Brumm und Blech nennt sich das
Stück. Es klingt genau so. Und es leitet über in eine auch nicht ohne betitelte Piece namens Imperial Lover, die daran erinnert, dass Pink Floyd einmal Drogen genommen haben könnten, was sie aber mit Humor weggesteckt haben, während irgendwo im Hintergrund die britischen Stahlfabriken kreischend verenden. Wenn man dann die zehn Meter groß machenden Amphetamine und die nahrungsergänzenden russischen Vitamine der Neubauten abzieht, die aus dem letzten Loch des Antonin Artaud krächzende Gesangsdiva und brennende Ölfässer als Perkussionsobjekte in die Rente schickt und durch gewöhnlichere Bauchmaschinen aus dem Geräteschuppen und die Ernte aus eigenem Anbau ersetzt, sprich die Zeit von 1980 noch um einige Jahre weiter zurückdreht, landen wir beim deutschen Musikkollektiv Faust. Faust existiert seit 1971 (derzeit sogar in zwei Besetzungen, was uns aber nicht weiter zu kümmern braucht) und gilt, abgesehen von einer weitgehenden Nichtbeachtung zu Hause in Deutschland, als musikhistorisch zentraler Ausgangspunkt nicht nur für die spätere Industrialmusik. Mit ihrem vor beinahe vier Jahrzehnten veröffentlichten namenlosen Debüt und dem Nachfolgealbum Faust So Far versuchten Faust damals mittels Klangcollagen, Gruppenimprovisation, Heimwerker-elektronik, Anspielungen auf die Musique Concrete und Dada- und Gaga-Rock, ja, sogar ruppigen Proto-Punks und überhaupt Verhöhnungen damals gängiger Progressive-Rock-Musik das sogenannte musikalische Spektrum ordentlich zu erweitern. Sie verkauften mit ihren Pioniertaten davon in der Heimat gut tausend Stück Schallplatten und wurden wegen ihres brutalen Dilettantismus verhöhnt, in Großbritannien und Nordamerika wurden sie als Sensation gefeiert. Seither hat sich Faust zigmal gewandelt, umbesetzt, aufgelöst, zellgeteilt. Über die Jahre entstanden aber immer wieder Platten, fanden Tourneen statt, wurde das Label Klangbad gegründet sowie das gleichnamige jährliche Festival im Hauptquartier der Band im süddeutschen Scheer (heuer vom 6. bis 8. August: www.klangbad-festival.de). Kurz, die Band, die bis heute immer den Prozess des Musikmachens und die Vorläufigkeit ihrer Kunst wichtiger nimmt als unveränderliche Ergebnisse, ist sich treu geblieben, weil nichts bleibt, wie es ist.
Jetzt ist mit Faust Is Last nicht nur eine neue Doppel-CD mit neu improvisiertem Material erschienen. In der auf DVD vorliegenden Dokumentation Klangbad: Avantgarde in the Meadows (Faust: Live at Klangbad Festival) kann man diese zentrale - und rüstige! - Band des deutschen "Krautrock" auch live bei der Arbeit beobachten. Parallel dazu wurden auch die ersten zwei Faust-Alben, Faust und Faust So Far, neuaufgelegt.
Sie dokumentieren (übrigens weltweit einzigartig seit 40 Jahren noch immer nicht wegen eines unautorisierten Beatles- Samples von Paul McCartney vor Gericht gezerrt!), welch wichtige Brückenfunktion die Band am Übergang der psychedelischen Sixties in die dekadenten 1970er-Jahre hatte. Und es wird klar, warum sich nachfolgende Künstler wie Throbbing Gristle, die Neubauten (wohl eher heimlich), Nine Inch Nails bis herauf zu diversen Techno-Wunderwuzzis auf Faust berufen. (Christian Schachinger, RONDO/DER STANDARD - Printausgabe, 25.06.2010)

Faust - Faust Is Last (Klangbad)
Faust - Klangbad: Avantgarde In The Meadows (play loud!)
Faust - Faust (Universal)
Faust - Faust So Far (Universal)


Der komplette Text